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Gruppenausstellung: Antigrav – Figuren des Schwebens und des Schwindels (vorbei)

17 April 2010 bis 5 Juni 2010
  Antigrav – Figuren des Schwebens und des Schwindels
Edgar Leciejewski, „Schwarzenberg“, 2007
 
  Parrotta Contemporary Art - Stuttgart

Parrotta Contemporary Art - Stuttgart
Augustenstr. 87-89
70197 Stuttgart
Deutschland (Stadtplan)

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tel +49 (0)711 - 69 94 79 10
www.parrotta.de


Die von Birgit Kulmer kuratierte Gruppenausstellung widmet sich dem Thema der Schwerelosigkeit in der Kunst.

"Ich wende mich an diejenigen, die Weisheit finden in einem fallenden Blatt, übergroße Probleme in aufsteigenden Rauchschwaden [...] und in der Unbewegtheit die heftigste Bewegung", Honoré de Balzac

Nicht die vordergründig mit diesem Begriff verbundenen Utopien des Fliegens stehen hier im Fokus, vielmehr verweist die Ausstellung auf die Überschneidung wissenschaftlicher, ästhetischer und poetischer Dimensionen, die sich in einer Kunst des Experimentierens mit Wahrnehmung, Bewegung und Imagination niederschlägt. Im Gegensatz zum Fliegen ist das Schweben gleichsam ein Zustand der Ruhe, man könnte auch sagen der Bewegungslosigkeit, der gerade durch das Fehlen eines Flügelschlages oder eines anderen Kraftaufwandes gekennzeichnet ist. Doch diesem Zustand der Unbewegtheit, liegt - mit den Worten Honoré de Balzacs - die heftigste Bewegung zugrunde. Es ist eine innere vibrierende Spannung, die zu halten mitunter in den Schwindel und zum Verlust von Orientierung führt.
In diesem Sinne die Ausstellung die Konzeptualisierung von Schwerelosigkeit als ein weiterhin bedeutendes Motiv für die Kunst der Gegenwart erforschen - als ein Motiv, das in seinen utopischen Zügen prädestiniert ist die Kunst an eine Grenze zu führen; eine Grenze, die sie einerseits mit der Wissenschaft oder der Alchemie und andererseits mit einer Poesie der Leere teilt. Die Dinge erlangen in der Schwerelosigkeit ein stilles und mitunter einsames Eigenleben. Die Künstler der Ausstellung thematisieren dieses Eigenleben auf eine hintergründige, ironische und selbstreflexive Weise. Dabei geht es auch um ein partielles und temporäres Aufheben von Körperlichkeit - sei es die des Kunstwerks selbst oder des Mediums, oder die des Körpers, der hierin verhandelt wird.

Der Schwindel, der dem Fall vorausgeht oder auf den Sturz folgt, soll in der Ausstellung ebenso mitbedacht werden wie der Schwindel, der den meisten Darstellungen der Schwerelosigkeit zugrunde liegt. Ebenso wie Anna und Bernhard Blume sich innerhalb ihrer inszenierten Fotografien wie in der Fotoserie "Im Wald" in halsbrecherische Positionen begeben, festgezurrt im Geäst, um mit Ironie den Schein einer Leviation zu erzeugen, so reicht bei Pieter Laurens Mol die minimale Geste eines Kippens der Fotografie, um den Eindruck des Schwebens hervorzurufen.

Überhaupt scheint die Fotografie neben der Zeichnung ein bevorzugtes Medium für Darstellungen des Schwebens zu sein, "da beide ihrer Immaterialität wegen ideale Medien sind, um die Bewegung des Denkens zu veranschaulichen." (Peter Weibel)

Die großformatige Scannografie Edgar Leciejewskis zeigt einen weißen Taubenflügel, der in einem schwerelosen Zustand erstarrt zu sein scheint - zwischen Aufstieg und Fall. Erst bei genauerem Hinschauen wird erkennbar, dass das Schweben von Edgar Leciejewskis Vogelwesen eigentlich ein Liegen ist und die Körper sich nicht mehr aus eigenem Antrieb bewegen, sondern leblos unserem Blick ausgesetzt sind.

Der Titel der Ausstellung ist der Schrift Heinrich von Kleists "Über das Marionettentheater" entnommen. Antigrav beschreibt hierin den ungebrochenen Vorteil, den die Puppen gegenüber lebenden Schauspielern hätten, denn ihnen gelänge leicht die Überwindung der Schwerkraft und die Aufhebung der Trägheit der Materie im reinen Tanz.
So nahm die Marionette besonders im Umfeld der europäischen Avantgarde eine tragende Rolle ein im Hinblick auf Fragen der Repräsentation im Bereich des Theaters und der Bildmedien. Die Marionette verweist auf eine mögliche Fusion aus Skulptur, Malerei und Theater. In ihrer Abstraktion und ihrem offensichtlichen synthetischen Erscheinen als ein Wesen zwischen Mensch und Maschine wird sie - fragmentiert und heterogen - zum theatralischen Körper par excellence, der keine wie auch immer geartete "innere Realität" mehr repräsentiert, sondern eine rein künstliche Bühnenpräsenz in all ihren Widersprüchen. Das thematische Gefüge von Schwerelosigkeit, Körperlichkeit, Bühne und Marionette bildet den Boden für die Installation von Susanne M. Winterling und Ruth May.

Der Marionettenkörper faszinierte auch Oskar Schlemmer. Oskar Schlemmer hatte bei seinen Überlegungen einen Konflikt zwischen dem natürlichen Körper des Menschen und dem abstrakten Raum festgestellt. Diesen suchte er aufzuheben, indem er den Tanz denselben mathematischen Gesetzen verpflichtete wie sie dem Raum zugrunde liegen. Doch so sehr der Tanz auch stilisiert und der menschliche Körper durch Kostüme segmentiert und geometrisiert wurde, so kam er über bestimmte natürliche Grenzen doch nicht hinaus. Die vollkommene Befreiung des Körpers - beziehungsweise seine endgültige Abstraktion - kann somit nur in einer Kunstfigur erfolgen, die den mathematischen Raumgesetzen entspricht. So versetzt Susanne M. Winterling in ihren Fotografien nach Schlemmer einzelne animierte Elemente aus Schlemmers Vorzeichnungen zum Triadischen Ballett zurück in ein abstraktes Bild aus einzelnen im leeren, schwarzen Raum frei gleitenden Formen.

Lilibeth Cuenca Rasmussens Video-Arbeit "The present doesn´t exist in my mind… the future is already far behind..." geht von der Futuristin Valentine de Saint-Point aus, die 1912 das Futuristische Maifest der Lust verfasste. In ihrer Video-Arbeit verhandelt sie den weiblichen Körper in seinen Versuchen, sich gegen "Gesetze" der Schwerkraft, repräsentiert in geometrischen Strukturen, Architekturen und Rhythmen zu stemmen. In ihrem eigenen Gedicht "Surfing the Surface" das letzte Kapitel der Aufführung verhandelt Lilbeth Cuenca Rasmussen die Möglichkeit von self-empowerment im entkörperlichten Raum einer digitalen Kultur.

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