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Gruppenausstellung: Artistenmetaphysik - Friedrich Nietzsche • in der Kunst der Nachmoderne (vorbei)

9 Dezember 2000 bis 25 Februar 2001
  Artistenmetaphysik - Friedrich Nietzsche • in der Kunst der Nachmoderne
 
  Haus am Waldsee - Der Ort internationaler Gegenwartskunst in Berlin

Haus am Waldsee - Der Ort internationaler Gegenwartskunst in Berlin
Argentinische Allee 30
14163 Berlin
Deutschland (Stadtplan)

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tel +49-(0)30-801 89 35
www.hausamwaldsee.de


Zu dieser Ausstellung

Anläßlich des 100. Todestages von Friedrich Nietzsche (1844 -1900) veranstaltet das Haus am Waldsee eine Ausstellung zur Aktualität des Philosophen in der Kunst der Gegenwart.

Das Faszinosum der Philosophie und der Persönlichkeit Nietzsches bot Künstlern seitdem Ende des 19. Jahrhunderts und bis heute immer wieder Identifikationsmomente.
Die Ausstellung im Haus am Waldsee stellt Werke der 60er Jahre bis heute vor.

36 künstlerische Positionen der europäischen Kunst (Malerei, Installation, Objekte, Fotografie, Film/Video) werden im interdisziplinären Rahmen von Philosophie, Kunst und Wissenschaft diskutiert. Mit dem Begriff der „Artistenmetaphysik " bei Nietzsche und dem Konzept der „ Philosophie als Lebenskunst" (Wilhelm Schmid) wird die virulente Frage nach der Bedeutung von Kunst und Philosophie für die Lebensgestaltung und Sinnfindung des Individuums in einer Zeit der „Umwertung aller Werte" und des Nihilismus aus den unterschiedlichen Perspektiven zeitgenössischer Künstler heraus neu gestellt.
Ein Veranstaltungsprogramm mit Konzerten und Lesungen zur Musik, Dichtung und Philosophie Nietzsches sowie mit philosophischen und Künstlervorträgen ergänzt die Ausstellung.
Barbara Straka, Gudrun Corka-Reimus

Ein Künstler als Philosoph

Wer (...) nach dem Beitrag der Philosophie zur Moderne fragt, der kommt um Nietzsche nicht mehr herum. Er ist der moderne Klassiker parexcellence. (...) In der Stilisierung des eigenen Daseins zeigt sich auch etwas von Nietzsches ästhetischer Meisterschaft. Ganz so, wie er es von der antiken Tragödie behauptet, ist auch bei ihm nicht die „Handlung", sondern das „Pathos" entscheidend. Aus einer tragisch-heroischen Stimmung heraus gibt er sich selbst eine große Form, in der er nicht nur sein Leiden an seiner Zeit, sondern diese Zeit selbst verdichtet. Seine singuläre Existenz wird zum Symbol der Epoche; in ihr kulminiert das menschliche Dasein, und so kann er, gerade in seiner Einzigartigkeit, zum exemplarischen, keineswegs bloß symptomatischen Fall seines Zeitalters werden. Alles geschieht mit der Prätention des „großen Stils", um aus dem Leben selbst ein Kunstwerk zu machen.
Volker Gerhardt

Ästhetik der Lebenskunst

Die Lebenskunst, wie sie einem bei Nietzsche theoretisch und praktisch entgegentritt, ist eine Konzeptkunst. Es geht in dieser Kunst um den Entwurf, den Plan, das Programm, das Projekt, die Konzeption; es geht darum, eine Idee von seinem Leben zu haben. (...) Die Konzepte zielen auf die Formung und Transformation seiner selbst; ein Ziel, das er in Etappen einteilt und zu dessen Erlangung er sich Techniken zurechtlegt bis hin zur Diätetik und banalen Einteilung des Tages. Die ausgeklügelte Konzeption seiner eigenen Lebenskunst beruht darauf, das Leben immer wieder zu reflektieren, um es auf den Begriff zu bringen. Der gegenwärtige Zustand wird in Bezug zu den Absichten gesetzt, um entweder den Zustand oder die Absichten zu verändern. Es kommt bei dieser Kunst mehr auf das Konzept an als auf das fertige Kunstwerk: Konzept und Idee erscheinen als die wichtigsten Bestandteile des Kunstwerks, das das Leben ist, das nie zum fertigen Objekt erstarrt. (...) Nietzsche riskiert die experimentelle Existenz, in der das Selbst zu dem, was es ist, erst wird, eine Art Selbstversuch. Man ist hier ganz fern vom Gedanken einer Vollendung seiner selbst - damit hat die Kunst im Sinne der Lebenskunst ebensowenig zu tun wie die gesamte Kunst des 20. Jahrhunderts.
Wilhelm Schmid

Nietzsche und die bildende Kunst der Moderne

Daß Nietzsche auch in der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts Spuren hinterlassen hat, ist seit langem bekannt; die kunsthistorische Forschung begann jedoch erst seit ca. 1980, den ganzen Umkreis dieses Themas detaillierter auszuloten, (...) Da die bildende Kunst der Moderne nach der Jahrhundertwende vorrangig mit Kategorien wie Traditionsbruch, Avantgarde und Autonomie des Schöpferischen im Zuge einer radikalen „Umwertung aller Werte" assoziiert wird, bietet Nietzsches Philosophie-emotional grundiert durch die Erschütterung über sein qualvolles existentieles Schicksal - die ideale Legitimation für den Aufbruch der ästhetischen Moderne (...).

Nietzsche beeindruckt viele bedeutende Künstler durch seine entschiedene Kritik am Vorrang wissenschaftlich-technischer Rationaiität und durch seine dagegen gesetzte Auszeichnung der Kunst als des nach dem Ereignis des Nihilismus einzig noch überzeugenden „Stimulans des Lebens" (...).
Jörg Zimmermann

Nietzsche in aktuellen künstlerischen Konzepten

Um 1900 bedienten sich die Künstler Nietzsches Begriff der Kunst als „Stimulans" und ästhetische Rechtfertigung des Lebens, seiner individualistischen Vorstellungen und der Heroisierung seiner Person zur Aufwertung ihrer eigenen künstlerischen Existenz und zur Installierung des prometheischen Künstlermythos vom großen einsamen Rebell. (...) Im Vordergrund stand eher die mit seiner Figur des Zarathustra förmlich verschmelzende legendenhafte Person des Philosophen als eine inhaltliche Auseinandersetzung mit seinen Schriften. (...) Thematisiert werden (heute) in ernsthafter oder auch karikaturistischer Weise beispielsweise die Aspekte von Krankheit, Leiden und Zusammenbruch, von Hilflosigkeit, Funktionalisierungund Scheitern, die Widersprüchlichkeit von Person und Werk und nicht zuletzt die schrecklichen Folgen, die sich daraus ergeben können. Die Erinnerung an Orte, die mit Nietzsches Leben verknüpft sind, führt nicht zur Idealisierung, sondern zur Entmystifizierung. (...) Aus einer Reihe von Beispielen aktueller künstlerischer Konzepte wird ein gezielter intellektueller Zugriff auf Nietzsche und eine intensive Lektüre seiner Schriften ersichtlich.
Gudrun Gorka-Reimus
(Textauszüge aus dem Katalog)

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