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Einzelausstellung: Gerhard Winkler - Schöne Aussichten (vorbei)

29 Januar 2005 bis 19 März 2005
  Gerhard Winkler - Schöne Aussichten
 
  Kuckei + Kuckei

Kuckei + Kuckei
Linienstraße (backyard) 158
10115 Berlin
Deutschland (Stadtplan)

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tel +49-(0)30-883 43 54
www.kuckei-kuckei.de


Bela Vista

Das Neubaugebiet von Bela Vista – im Südwesten Lissabons gelegen – besteht ausschließlich aus mehrstöckigen Wohnblocks, die man vor nicht allzu langer Zeit auf zwei sich gegenüber liegenden Hügeln errichtet hat. Es gibt einen Zeitschriften- und Tabakladen, eine Apotheke und ein nur mäßig besuchtes Restaurant. Und neuerdings gibt es »Feira Nova« – ein Supermarkt der Superlative, der direkt an der mehrspurigen Schnellstraße liegt, die zwischen den mit Buschwerk bewachsenen Hügeln verläuft. »Feira Nova« wurde sofort nach seiner Eröffnung mit einer gewissen Zwangsläufigkeit zum Mittelpunkt dieser Wohngegend. Man kann dort Stunden verbringen, in denen man staunend umherwandert in den endlos erscheinenden Warenstraßen, ausserstande, das schier unglaubliche Angebot an Zahncremes, Fruchtjoghurts, Tiefkühlkrabben usw. auch nur halbwegs zu überblicken, geschweige denn zu sondieren, und darum schließlich entweder diesen Ort in resignativer Bewunderung verlässt oder aber dazu übergeht, seine Einkäufe völlig wahllos zu tätigen.

Obwohl Bela Vista bei den Lissabonern nicht gerade beliebt ist, den meisten sogar als Problembezirk gilt, befindet es sich seit seiner Gründung in stetigem Wachstum, was wahrscheinlich der relativen Zentrumsnähe zu danken ist. Man findet nach wie vor kaum einen Baum dort, der diesen Namen wirklich verdienen würde, aber zu jeder Zeit zumindest eine Großbaustelle.
Überdies wird das Netz der Zubringerstraßen, die dort aus allen Richtungen auf den Stadtring münden, stetig erweitert und ausgebaut. Es mag sein, daß der Name »Bela Vista« von der guten Aussicht herrührt, die man aus den höhergelegenen Wohnungen auf das arabeskenhaft verschlungene Straßennest unten hat.

Wohl um das Karge und Wüstenhafte dieser Stadtlandschaft etwas zu mindern, hat man seit einigen Jahren damit begonnen, die zur Schnellstraße gelegenen Fassaden der Neubauten (aber auch die einiger älterer Gebäude) farbig zu gestalten, wobei die Farbtöne lindgrün, rosa und orange vorherrschen.
Als 1998 (zur Weltausstellung »Expo 98«) eine vom Stadtzentrum zum futuristischen Bahnhof »Oriente« und dem daneben am Flussufer liegenden Ausstellungsgelände führende U-Bahnlinie eröffnet wurde, bekam endlich auch Bela Vista seinen U-Bahn-Anschluß, denn es lag glücklicherweise direkt an der Trasse. Der Eingang der Station befindet sich allerdings eigenartigerweise unmittelbar am Rand der Schnellstraße, nur knapp von der ersten Fahrspur entfernt (man könnte auch sagen: auf der Standspur). Der andere, oben in der Siedlung gelegene Zugang befindet sich offenbar auch im Jahre 2003 noch in Bau, wurde bisher jedenfalls noch nicht geöffnet.

Man hatte also nunmehr zwar die langersehnte U-Bahn-Anbindung, aber weder einen Fußweg, der dort hinführte, noch Parkplätze in der Umgebung der Station, auf denen man ein Auto hätte abstellen können. Während gutmütigere Naturen dies auf die sagenhafte träumerische Veranlagung und die damit einhergehende Vergesslichkeit der Verkehrs- und Stadtplaner zurückführten, sahen die Mißtrauischen darin eine vorsätzliche Strategie. Die Wahrheit dürfte jedoch – wie so oft – in der Mitte dieser beiden Hypothesen liegen: es könnte möglich sein, daß der Umstand der fehlenden Fußwege auf eine zielgerichtete, überaus effiziente Fehlplanung zurückzuführen ist, die als solche durchaus gelungen ist.

Denn natürlich gibt es auch in Bela Vista nicht wenige Bürger, die durchaus der Gruppe der nicht allein Konsumbereiten, sondern der überdies Konsumbefähigten zuzurechnen sind, aber diese Personen dürften selbstverständlicherweise ein Auto besitzen, sind mithin also nicht auf die Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln angewiesen. Und schliesslich: warum sollte das ohnehin ständig von Menschen überfüllte Zentrum Lissabons auch noch mit jenen anderen – z.B. der Mehrheit der Bela Vista-Bewohner – belastet werden, die nur sehr bedingt konsumfähig sind, zumal wenn für deren Bedürfnisse das dortselbst gelegene Einkaufszentrum mehr als ausreichend ist (s.o.)? Doch diese Mehrheit wollte sich dieser Logik nicht so ohne weiteres beugen, und bahnte sich deshalb ihren Weg zur U-Bahn und zum innerstädtischem Leben mit einer unübersehbaren Hartnäckigkeit und in Gestalt von schmalen Saumpfaden (in Anlehnung an längst vergangene Zeiten von den Einheimischen auch »Eselsteige« genannt), die auf dem lockeren, mit Gestrüpp bewachsenen Boden zwischen den Zubringerstraßen und darüber hinweg zu dem einzig geöffneten Eingang der Station »Bela Vista« führen. Die letzten Meter müssen allerdings (wie bereits erwähnt) auf dem Seitenstreifen der Schnellstraße zurückgelegt werden, was vor allem bei Dunkelheit etwas gefährlich sein kann. Die Bewohner des linken Hügels sind zudem gezwungen, die vierspurige Fahrbahn zu überqueren, wenn sie nicht einen beträchtlichen über eine Brücke führenden Umweg auf sich nehmen wollen. Diese abschüssigen, bzw. steil ansteigenden Pfade sind nicht einfach zu begehen, zumal das Erdreich noch nicht überall so festgestampft ist, daß es sich nicht gelegentlich lockern würde, was schnell zu Stürzen führen kann.
Viele Benutzer der Wege finden es überdies unangenehm, daß ihnen gelegentlich Ratten – ihrerseits auf dem Weg von einem Gebüsch in's andere befindlich – vor oder gar über die Füße laufen. Gelegentlich zu hörende Berichte von Begegnungen mit Schlangen dort dürften allerdings dem Bereich der Fabel zuzurechnen sein. Nicht von der Hand zu weisen sind wiederum häufigere Überfälle von Strauchdieben oder Buschräubern auf zumeist einzelne Wanderer. Nicht nur deshalb ist es keinesfalls empfehlenswert, daß Kinder diese Wege ohne Begleitung von Erwachsenen benutzen, schon gar nicht nach Einbruch der Dunkelheit. Nachts (insbesondere bei Neumond) ist das Begehen der Pfade eine besonders anspruchsvolle, ohne Taschenlampe kaum zu bewältigende Aufgabe. Nach schweren oder lang anhaltenden Regenfällen – die vor allem im Herbst und Winter keine Seltenheit sind – ist selbstverständlich das Tragen von Gummistiefeln, eventuell auch die Benutzung eines langen Stockes oder Stabes anzuraten.

Man könnte ohne weiteres behaupten, daß die Beschaffenheit dieser Wege und die zwischen ihnen liegenden Hindernisse in Form von Schnellstraßen und Brücken eine »natürliche« Auslese der U-Bahn–Benutzer bedingt, was man vorzüglich auch daran erkennen kann, daß vor allem junge, rüstige und unerschrockene Menschen auf den Bahnsteigen der Station »Bela Vista« auf Züge warten.

Nachtrag

Im Spätsommer 2003 – mehr als fünf Jahre nach der Inbetriebnahme der »Oriente«-Linie – wurde eines Tages und ohne Zeremonien der zweite, auf dem Hügel zwischen den Wohnblocks gelegene U-Bahn-Eingang geöffnet. Dieses – etwas überraschend kommende – Ereignis dürfte wohl dem zu jener Zeit zum ersten Male in der Nähe von Bela Vista veranstalteten Open-Air-Festival »Rock in Rio« (sic!) geschuldet gewesen sein, zu dem zehntausende von Besuchern erwartet wurden. Die zuständigen Beamten und Politiker werden wohl vorausgesehen haben, daß es zu größeren verkehrstechnischen Problemen kommen könnte, wenn tausende von jungen Leuten anlässlich dieser Großveranstaltung über die Stadtautobahn und entlang der Standspur zu den »Eselspfaden « laufen würden.

Seitdem werden diese Wege nur noch selten begangen und nach und nach von Pflanzen überwachsen.

Gerhard Winkler Schöne Aussichten Galerie Kuckei + Kuckei 29.Januar bis 19. März 2005, Ausstellungseröffnung am 29. Januar um 17 Uhr. Linienstraße 158 (Hof), 10115 Berlin-Mitte

Gerhard Winkler als pdf-Datei 235KB

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