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Gruppenausstellung: "Summer Holiday" -Gruppenausstellung (vorbei)

14 Juni 2003 bis 27 September 2003
 
Massimo Vitali, "Netherlands", 2002, C-Print / Plexiglas, Auflage 1 / 9, 180 x 225 cm
 
  Bernhard Knaus Fine Art

Bernhard Knaus Fine Art
Niddastrasse 84
60329 Frankfurt/Main
Deutschland (Stadtplan)

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tel +49 (0)69 - 244 507 68
www.bernhardknaus-art.de


"Summer Holiday"

Einführung:
Dr. Daniel Spanke, Leiter Kunsthalle Wilhelmshaven

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Herr Knaus, liebe Künstler der Ausstellung!

Ich darf mich zunächst einmal ganz herzlich für die Einladung ins doch schon recht sommerliche Mannheim bedanken, lieber Herr Knaus, um in ihrer Galerie diese Ausstellung zum Thema Summerholiday zu eröffnen. Themenausstellungen sind zwar, und das weiß ich aus eigener Erfahrung, das komplizierteste Genre des Ausstellungsmachens, sie haben jedoch den großen Vorteil für das Publikum, dass die verschiedenen Werke schon durch eine bestimmte Fragestellung untereinander verbunden sind: das schärft den Blick und ich finde es meistens einfach interessanter mit einem solchen Thema ausgerüstet von Bild zu Bild zu gehen. Wenn das Thema dann auch noch so angenehm klingt, wie es der Titel dieser Ausstellung Summerholiday verspricht – umso besser. Allerdings scheint die Koppelung von freiem Urlaubsgenuss und Kunst auch der Annahme Vorschub zu leisten, dass ernst das Leben, heiter der Urlaub, Kunst eben doch vor allem Bedürfnisse von möglichst reflektionsfreier Entspannung und Erholung zu befriedigen hätte. Sie werden jedoch sehen, meine sehr verehrten Damen und Herren, wie die Künstler dieser Ausstellung auf jeweils ganz eigene Art und Weise Aspekte des Verreisens, der urlaubstypischen Beschäftigungen wie Baden und Postkartenschreiben oder der ganz spezifischen Urlaubsarchitekturen von Badehäuschen bis Hotelkomplexen aufgegriffen und kritisch bis humorvoll verarbeitet haben. Wie sagte Joseph Beuys einmal: Wer nicht denken will, fliegt raus! Und das gilt auch wenn Künstler sich mit einem der charakteristischen Phänomene unserer modernen westlichen Kultur beschäftigen: dem Sommerurlaub.

Urlaub zu machen, ist keinesfalls etwas Selbstverständliches. Wahrscheinlich konnte das Aussteigen aus dem Lebensalltag mit seinen Zwängen des Broterwerbs und der Haushaltsführung nur in einer Gesellschaft entstehen, in der es die Utopie des Paradieses gibt, die Vision also, sich nicht um sich sorgen zu müssen, sondern möglichst all inclusive umsorgt zu werden – bei bitte doch bestem Wetter in den herrlichsten Landschaften und optimaler Versorgung die wunderbarsten neuen Eindrücke gewinnen zu können oder - einfach nichts tun zu dürfen. Das Verreisen, der Tapetenwechsel, gehört als Zeichen des ganz anderen, des Kontrastes zum normalen Leben zum Urlaub dazu. Balkonien ist doch eher nur eine Notlösung. Im Urlaub sollen Bedürfnis und seine Befriedigung in eins fallen. Urlaub ist das Versprechen auf ein besseres Leben jenseits unseres Alltags. Das ist eine Vorstellung, die ziemlich deutlich auf christliche Wurzeln zurückgeht. Mit Recht kann man sich also fragen: Machen Buddhisten eigentlich Urlaub? Es wäre wirklich spannend das herauszufinden. Kulturhistorisch können wir überdies erst dann Urlaub machen, wenn es unser Lebens- und Kulturstandard erlaubt, Landschaften auch anders denn als Flächen zur Brot- und Fleischerzeugung oder als politische Territorien zu betrachten. Sie müssen erst frei von solchen Funktionen werden, um ästhetisch, als etwas Schönes, Erhabenes, Paradiesisches. Erholsames oder sonst wie gesehen werden zu können. Urlaub im Mittelalter gab es also nicht. Den Bewohnern der Fidschi-Inseln wird zudem ihre gewohnte Umgebung natürlich nicht so exotisch perfekt vorkommen, wie mir, der ich in Gelsenkirchen geboren bin. Die Engländer waren im 19. Jahrhundert die ersten Touristen im modernen Sinne, die zum Beispiel in die Schweiz fuhren, im Barock als „Schutt der Schöpfung" verpönt, um dort die Bergwelt zu genießen und Ski als Sport zu fahren.

Dies ist der Kontext, in den die Arbeiten der elf Künstler dieser Ausstellung gestellt sind. Es würde leider zu weit führen, jeden einzelnen Künstler hier im Einzelnen vorzustellen. Bei der Übersicht habe ich für mich jedoch vor allem zwei Arten und Weisen gefunden, unter der sich die versammelten Künstler unter dem Thema Summerholiday betrachten lassen: die eine betont die Künstlichkeit, eigentlich die falsche Vorstellung von Erlebnis des Echten, die wir auf die Orte unseres Urlaubs übertragen. In den Werken Olaf Breunings ist das sofort sichtbar. In seinen Fotografien nimmt er den Zusammenhang von Exotik und authentischer Kultur am touristischen Zielort auf. In sehr studiohaft wirkenden tropischen Landschaftsarrangements sieht man eine Person in Freizeitkleidung und einer balinesischen Maske über dem Gesicht mit Körperbemalung für die Kamera posieren. Das Fremde und das Eigene vermischen sich hier auf eigentlich unvereinbare Weise, die das falsche Bewusstsein von der Offenheit gegenüber der anderen Kultur zeigt – denn bestätigt werden so immer nur die eigenen Vorurteile. Axel Hüttes Foto aus dem Tsitsikamma-Nationalpark in Südafrika gibt dem tropischen Biotop etwas von seiner Fremdheit und auch Gefährlichkeit zurück. Die Landschaft bietet sich uns hier eben nicht dem geneigten Blick zur gefälligen Betrachtung dar, sondern bleibt unüberschaubar, undurchdringlich – das Wort Wildnis für die nicht zivilisatorisch bearbeitete Natur kommt einem mit all ihren Konnotationen in den Sinn. Urlaub lässt sich hier kaum machen. Ganz anders inszeniert Ralf Peters seine digital bearbeiteten Fotos von touristischen Freizeitanlagen. Wohl erst in der Serie erschließt sich, dass Peters, mit dem wir übrigens im nächsten Jahr in der Kunsthalle Wilhelmshaven eine Einzelausstellung machen werden, Versatzstücke moderner Hotelarchitektur immer wieder neu zusammengesetzt hat. Dies ist ein Realismus der besonderen Art, denn in der Tat werden solche Anlagen modulartig geplant und gebaut, so dass das digitale Arrangement der Wirklichkeit näher kommt als es das unbearbeitete Foto je könnte. Julian Opie hingegen übersetzt die Freizeitwirklichkeit in seine für ihn so typischen Piktogramm-Bilder. Die Künstlichkeit und Entfremdung der Welt erscheint in seiner sehr konsequenten Bildsprache schon fast wieder natürlich, ähnlich wie uns ein Zeichentrickfilm so sehr in seine Welt zieht, dass uns die Fremdheit dieser Welt gar nicht mehr stört. Wir haben die Bedingungen der Fiktion akzeptiert. Peter Schlörs Foto eines Sprungturms wirkt hingegen so einsam monumental und überhöht, wie er dort dramatisch am Rande des Wassers sich extrem nach oben in den Himmel streckt, das man fast nicht glauben kann, es handle sich nicht um eine expressive Skulptur, sondern um die Wirklichkeit eines Sprungturm in St. Malo. Der banale Freizeitspaß wird hier zum bildlichen Ereignis eigener innerer Größe. Diese Arbeit leitet über zu einer zweiten Gruppe von Arbeiten, in denen es um den Eigenwert des Bildes geht. Jonathan Monk etwa dreht Urlaubspostkarten auf den Kopf, so dass ihre bildliche Gestalt fast als ungegenständliche Komposition in den Blick treten kann. Als Elemente einer ausbalancierten Bildkomposition können auch die Menschen und Gegenstände in den Fotos von Massimo Vitali betrachtet werden. Nicht der einzelne zählt, oft sind die Urlauber im Bild als Individuen nicht gut zu erkennen, sondern aus dem Ornament des Massentourismus formt der Künstler ein in sich formal stimmiges Bild, aus dem kein Element entfernt oder verschoben werden könnte, ohne die Komposition zu stören. Das Bild ruht, wie der versprochene Urlaub, in sich selbst. Einer viel reduzierteren Ästhetik bedient sich Götz Diergarten in seinen Fotografien von Strandhäuschen. Diese sind genau in der Bildmitte platziert wie abstrakte Skulpturen ins Bild gesetzt. Auch hier bedingt die spezielle Komposition der mittigen frontalen Ausrichtung der Badearchitektur eine monumentale Wirkung, die aus dem kleinen, unscheinbaren Häuschen geradezu einen Bildhelden macht. In der Beschränkung auf die weiße Wandfläche und die Dachschräge gewinnt die bescheidene Architektur gleichsam das Pathos der Konkreten Kunst. Diese künstlerische Strategie, die Selbstständigkeit des Bildes vom Motiv zu betonen kann man auch in dem Strahlenbild von Herbert Hinteregger beobachten. Angeregt durch den Eindruck eines vorbeiziehenden Fischschwarms unter Wasser gestaltet der Künstler ein Bild, das sehr wohl dieses Gefühl des plötzlichen Umhülltwerdens und der räumlichen Tiefe hervorbringt, dennoch aber auch unabhängig von der Vorstellung an konkrete Fische und ihrer Abbildung existiert. Beat Streulis Strandfotos wahren auf sehr bemerkenswerte Art die Waage zwischen banalem Urlaubsfoto und künstlerisch arrangiertem Bild. Auch hier rettet die gelungene Komposition Streulis Foto ästhetisch: genau ist das Verhältnis von Standabschnitt, Wasserfläche, Horizont sowie als vertikalen Elementen den Badegästen im Bildformat aufeinander abgestimmt. Diese Fotos werfen die Frage auf, was ein Bild zum Kunstwerk macht und wie sich entsprechend die Wahrnehmung von Bildern in unterschiedlichen Kontexten verändert. Ich bin davon überzeugt, dass auf dem Sofa sitzend und von Hand zu Hand gereicht, sofort die ganz gleichmäßige Färbung und der seltsam unverbindliche Charakter dieser Bilder auffallen würde, die sie dann doch wieder als Werke der Kunst ins Spiel bringt. Einer der wenigen Maler der Ausstellung ist Alex Katz, der Strandszenen in seine ganz eigene, eigenartig sperrige Malweise transformiert. Gerade ein Thema das so sehr auf störungsfreien Konsum und niederschwellige Akzeptanz angelegt ist, wie das der Summerholidays eignet sich besonders, um mit dieser Art der Malerei konfrontiert zu werden. Das Abbild der problemlosen Freizeit wird darin problematisch und lässt seine eigene Flachheit so ästhetisch gelungen wie tiefsinnig reflektieren.

Es ist zweifellos kein Zufall, dass die meisten Künstler dieser Ausstellung zum Thema Summerholidays Fotografen sind. Das dem Urlaub ureigenste Bildverfahren ist eben die Fotografie, der sich seit Eastmans Erfindung der Rollfilmkamera hemmungslos knipsend auch der Nicht-Ausgebildete bedienen kann. Der Fotograf Herbert List hat einmal gesagt man habe immer die Wahl, den Augenblick zu fotografieren oder ihn zu erleben. Beides zusammen geht nicht. Mit dem Apparat oder der Videokamera vor dem Auge erweist sich unsere Sucht nach Bildern als Absorbierung der Wirklichkeit. Dass man wirklich dort gewesen ist, wo man zu sein behauptet oder glaubt, kann man sich und anderen dann nur noch dadurch beweisen, dass man entsprechende Bilder vorweisen kann. Das künstlerische Bild hat hingegen gänzlich andere Bedeutung: Wirklichkeit wird im Kunstwerk verdichtet erfahrbar, wie sonst nirgends – darin kann das Kunstwerk sehr wohl ein Refugium des Glücks sein. Im ihrem je eigenen und doch verwandten Versprechen von Glück sind so gesehen Kunstwerk und Urlaub auch wieder sehr passende thematische Partner.

Copyright: Galerie Bernhard Knaus und die betreffenden Künstler.

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