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Solo show: Luigi Ghirri / Im SHOWROOM (over)

25 August 2011 until 8 October 2011
  Luigi Ghirri / Im SHOWROOM
Luigi Ghirri
 
  Mai 36 Galerie

Mai 36 Galerie
Rämistrasse 37
8001 Zurich
Switzerland (city map)

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www.mai36.com


"Der Atlas ist das Buch, der Ort, an dem alle Zeichen der Erde - von den natürlichen bis zu den künstlichen, nach bestimmten Konventionen repräsentiert sind: Berge, Seen, Pyramiden, Ozeane, Städte, Dörfer, Sterne, Inseln. In dieser Gesamtheit der Zeichen und der Beschreibungen finden wir den Ort, aus dem wir gekommen sind, die Orte, die wir bereisen wollen, den zu verfolgenden Weg." (Luig Ghirri 1973) 1

Sein Atlante-Projekt, für das Ghirri 1973 Details aus Atlanten abfotografierte, verstand der italienische Fotograf (1943-1992) als eine imaginäre Reise durch die Welt in Form einer Reise durch ihre abstrahierten kartographischen Darstellungen. Im Falle eines Atlas sind die Realität und ihre zeichenhafte Darstellung für ihn sozusagen deckungsgleich: "Die Frage nach dem Kernproblem verschiebt sich, es geht nicht länger um Signifikanten, sondern um die Imagination." 2 Die Imagination ersetzt für Ghirri hier eine tatsächliche Reise und so sind seine Bilder von Details aus Land-, See- und Himmelskarten eine Art fotografisches Reisetagebuch, mit dem er zugleich auf poetische und subtile Weise den Abstraktionsgrad von (fotografischen) Bildern als solchen thematisiert.

In der zweiten Ausstellung von Luigi Ghirris Arbeiten zeigen wir einen Ausschnitt aus dem Atlante-Projekt, ergänzt durch eine Auswahl von Vintage-Fotografien aus dem Zeitraum von Ende der 1970er Jahre bis 1990. Es ergeben sich Einblicke in ein vielschichtiges und einflussreiches Werk, von dem William Eggleston schrieb: "Ich fühle mich sehr hingezogen zu den minimalen und eher sublimen Aspekten in Ghirris Werk und auch zu jenen Bildern, die verwirrender sind - jene, in denen man nicht genau weiss, was man eigentlich sieht, jene, in denen Ghirri den Betrachter auf subtile Weise an der Nase herumführt und offen lässt, was real ist und was nicht." 3

Seit den frühen 1970er Jahren, als Ghirri in seiner Heimat - der norditalienischen Emilia - begann zu fotografieren, ist sein Werk bestimmt von einer Faszination für die alltäglichen und oft scheinbar nebensächlichen Dinge. Sehen war für ihn gleich bedeutend mit Denken und so sind seine Fotografien immer auch ein Versuch, gewissermassen hinter die Dinge zu blicken, um sie in ihrer Verfasstheit und auch ihrer Schönheit zu erkennen. Auf einer existentielleren Ebene ging es Ghirri mit seiner visuell geleiteten Art des Denkens letztlich immer auch um das Zusammenwirken von Mikro- und Makrokosmos. Er selbst schrieb 1978: "Ich habe mich einem Sehen voller Klarheit verpflichtet, weshalb ich an allen möglichen Dingen interessiert bin, ohne Unterschied: Ich betrachte sie als ein Ganzes und versuche zu jeder Gelegenheit, das zu sehen und sichtbar zu machen, was in sie eingeschrieben ist." 4

Für seine Serie Still Life, aus der wir einige Arbeiten zeigen, wählte er mit ausserordentlich präzisem Blick einzelne Objekte oder Arrangements von Dingen in Antiquariaten oder auf Flohmärkten aus. Diese Bilder haben zum einen etwas Dokumentarisches. In der Art und Weise jedoch, in der Ghirri seinen Blick mit grosser Sensibilität für ein exakt komponiertes Bild auf sie richtet, beginnen die Dinge, Geschichten zu erzählen. Sie sind Zeugnisse vorangegangener Ereignisse und zugleich treten sie in dem Moment, in dem sie fotografiert und neu betrachtet werden in andere Dialoge miteinander. Insbesondere, wenn die Still Life-Fotografien Bilder von Bildern sind (z.B. im Falle von abfotografierten Fotos, Gemälden oder Spiegeln), wird deutlich, wie intensiv und zugleich spielerisch sich Luigi Ghirri stets auch mit der grundlegenden Frage danach befasst hat, was überhaupt ein Bild ist und was es aussagen kann. 1978 schreibt Ghirri: "Der Sinn, den ich meiner Arbeit zu geben versuche, ist nachzuweisen, wie es immer noch möglich sein kann, den Weg der Erkenntnis beschreiten zu wollen, um am Ende das tatsächliche Wesen der Menschen, der Dinge, des Lebens von den Bildern von Menschen, Dingen und dem Leben unterscheiden zu können." 5

Dinge, die eine Geschichte erzählen, obwohl die Menschen abwesend sind, spielen auch in seinen beiden parallel entstandenen Serien Atelier Morandi und Studio Aldo Rossi (1989-90) eine zentrale Rolle. In beiden Fällen hat Ghirri Arbeitsräume fotografiert. Im Falle Giorgio Morandis war es dessen Atelier in Bologna, in dem die Dinge seit dem Tod des Malers 1964 quasi unverändert angeordnet waren. Die Kannen und Gefässe, die von Morandis Gemälden vertraut sind, tauchen auf, ebenso wie andere Spuren der Arbeit des Malers. Obwohl sie völlig unbeweglich sind, lassen Staffeleien, Pinsel und Farbtöpfe oder Farbproben auf Pappen den Prozess des Malens nachvollziehbar werden. Diese Fotos sind eine Reflexion über das Verhältnis von Abwesenheit und Präsenz, von Malerei und Fotografie und so auch über das Bild als solches.

Neben der Liebe zu den Gegenständen nimmt auch die Architektur- und Landschaftsfotografie einen wichtigen Stellenwert in Ghirris Gesamtwerk ein. Aus diesem Bereich zeigen wir in der Ausstellung ebenfalls einige Beispiele, so etwa aus der Serie Paessaggio italiano, in der Ghirri an einer Art visueller Topographie Italiens arbeitete. Und für In Scala (etwa: Im Massstab) fotografierte Luigi Ghirri 1977 in einem Miniaturenpark in Rimini, in dem berühmte italienische Bauwerke wie etwa das Kolosseum oder der Mailander Dom, aber auch die Dolomiten in verkleinertem Massstab zu besichtigen sind. Auch hier wieder unternimmt er, ähnlich wie mit Atlante, eine fotografische Reise durch Bilder von der Welt und stellt den Blick auf die Dinge auf die Probe.

Fotografien von Luigi Ghirri sind auch an der 54. Biennale in Venedig zu sehen, in der Ausstellung Illuminazioni, kuratiert von Bice Curiger, der Direktorin der Biennale.
[Text: Christine Heidemann]

Vernissage ist am Mittwoch, 25. August 2011 von 18 bis 20 Uhr.

Auf Anfrage lassen wir Ihnen gerne Bildmaterial zukommen (office@mai36.com).
Wir freuen uns, Sie in der Galerie zu begrüssen und danken Ihnen für Ihr Interesse.

1 Luigi Ghirri: Atlante (1973), in: Luigi Ghirri. Atlante, Mailand 1999.
2 ebd.
3 William Eggleston: Some Thoughts on Luigi Ghirri, in: It's beautiful here, isn't it... Photographs by Luigi Ghirri, Ausst.-Kat. Aperture
Foundation, New York 2008, S.9-11, hier S. 10.
4 Luigi Ghirri: Fotografie del periodo iniziale / Photographs from the early period (1978), in: Luigi Ghirri. Fotografie del periodo iniziale,
hrsg. v. Elena Re, Prato 2008, S. 27-33, hier S. 28
5 ebd.

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